Über das Agieren der Muslimbruderschaft und ihrer Netzwerke fehlt es nicht unbedingt an gesichertem Wissen. Florence Bergeaud-Blackler löste mit einem Buch in Frankreich dazu eine heftige Kontroverse aus. Jetzt liegt auch eine deutschsprachige Ausgabe vor: "Kalifat nach Plan. Frérismus und seine Netzwerke in Europa".
Für den islamischen Extremismus bildet die 1928 entstandene Muslimbruderschaft die Mutterorganisation. Aus ihr gingen andere islamistische Gruppierungen mehr oder minder hervor. Zumindest hinsichtlich der ideologischen Einstellungen orientierte man sich an der Muslimbruderschaft, was ebenso für das strategische Vorgehen gilt. Das macht auch die Entwicklung in Europa deutlich, entstanden doch dort in der Folge von Migration entsprechende Strukturen. Die Anhänger der Muslimbruderschaft bekannten sich aber dabei meist nicht öffentlich zu ihrer Organisation, denn die gemeinten Gruppen gaben sich eher als religiöse oder soziale Interessenvertreter. Dadurch konnte ein informeller Einflussgewinn erhöht werden, was aber häufig nicht in die öffentliche Wahrnehmung geriet. Auch die einschlägige Forschung erweiterte entsprechende Kenntnisse nicht unbedingt. Aus Frankreich kommt jetzt aber eine neue Studie zum Thema: "Kalifat nach Plan. Frérismus und seine Netzwerke in Europa" lautet der Titel der deutschen Übersetzung.

Die Autorin ist Florence Bergeaud-Blackler, eine promovierte Anthropologin, die für renommierte Forschungsinstitute arbeitet und in Paris als Professorin lehrt. In dem genannten Buch geht es ihr darum, die Einflussstrategien der Muslimbruderschaft darzustellen. Ein derartiges Ansinnen zieht schnell Behauptungen an, wonach es sich um Konspirationsvorstellungen handelt. Diesen kontert die Autorin bereits im Vorwort: "Die historische und detaillierte Analyse der Prinzipien und Handlungen einer ideologischen Bewegung, die sich in einen historischen Verlauf einfügt und ein vorprogrammiertes Ende der Geschichte anstrebt, ist das genaue Gegenteil eines verschwörungstheoretischen Ansatzes" (S. 22). Eine solche Fehldeutung wird nicht nur abgelehnt, gibt es doch belegbare Konspirationen, was aufgefundene Pläne veranschaulichen. Bevor die Autorin aber in der folgenden Darstellung darauf eingeht, liefert sie Basisinformationen zur Muslimbruderschaft. Dabei geht es zurück bis zur frühen Gründung und hin bis zum gegenwärtigen Stand.
Insbesondere die einhergehende Transnationalisierung steht dabei im Zentrum. Einer ihrer früheren Ideologen, gemeint ist Yusuf al-Qaradawi, hatte einschlägige Zielsetzungen offen eingeräumt: "Die Eroberung durch die Da'wa ist das, was wir uns erhoffen. Wir werden Europa erobern, wir werden Amerika erobern! Nicht durch das Schwert, sondern durch die Da'wa, das heißt die Einladung, die Bekehrung …" (S. 107). Das hier Gemeinte wird dann anhand von verschiedenen Themen veranschaulicht: Man findet etwa Angaben zu einschlägigen Institutionen, Kontakten in das intellektuelle Milieu hinein oder zu Kooperationspartnern in unterschiedlichen Zusammenhängen. Dabei sind auch immer wieder Details von besonderem Interesse, etwa bezogen auf "Islamophobie"-Kampagnen gegen Kritiker oder die mit politisch Linken einhergehende Zusammenarbeit. Deutlich machen dabei die vielen Beispiele, dass es eben nicht um eine Konspirationsideologie geht, die nicht-öffentlichen Handlungen lassen sich sehr wohl belegen und veranschaulichen.
Das Buch löste in Frankreich eine größere Kontroverse aus: Einige Kritiker verwiesen auf Polemiken und Ungenauigkeiten, war doch hier auch eine Aktivistin als Autorin mit entsprechenden Überspitzungen unterwegs. Es gab ebenso politisch motivierte Angriffe bis hin zu Morddrohungen. Dadurch geriet die Debatte zu einem polemischen Hin und Her, die eigentliche Faktenlage wie die kritikwürdigen Gesichtspunkte waren dann kein Thema mehr. Viele Aussagen im Buch sind keineswegs neu oder ungewöhnlich, man findet solche Einordnungen auch in der aber überschaubaren Fachliteratur zur Muslimbruderschaft. Statt politische Empörung vorzutragen, könnte man mit Fakten dagegen argumentieren. Umgekehrt hätte aber auch Bergeaud-Blackler auf breiterer Grundlage ihre Interpretationen entwickeln können, darf man doch von einem komplexen Modell bei der Muslimbruderschaft und ihrem Netzwerk ausgehen. Dafür müssten sich nicht nur eher konservative Betrachter interessieren, eigentlich könnten auch tendenziell linke Kommentatoren hier kritischer sein.
Florence Bergeaud-Blackler, Kalifat nach Plan. Frérismus und seine Netzwerke in Europa, Tübingen 2025, Verlag Schiler & Mücke, 442 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-89930-465-7






